Rassismus- und antisemitismuskritische
Filmvermittlung für die 1. bis 6. Klasse

Rassismus- und antisemitismuskritische Filmauswahl für die 1. bis 6. Klasse

Wie die Filme für unsere Workshops ausgewählt wurden und was wir dabei über Kinderfilme in Deutschland erfahren haben, teilen wir in diesem Interview. Besonders beschäftigt hat uns die Frage, wie ein Film Diskriminierung wie Rassismus und/oder Antisemitismus mit Kindern besprechbar macht und sie gleichzeitig empowern kann.

Das Interview führte Roman Woopen (Projektkoordination) mit Farnaz Sassanzadeh (Projektkoordination), Pola Hahn (Projektkoordination) und Leonie de Abrew (Filmjury Film Macht Mut, Social Media und Presse).

Beginn der Filmrecherche

Roman: Womit habt ihr die Filmrecherche begonnen?

Pola: Das Ziel war, Filme zu finden, mit denen Rassismus und Antisemitismus besprechbar sind und das in einem empowernden Sinne und mit gegenwärtigem Lebensbezug. Relativ schnell fiel die Entscheidung für Kurzfilme als Genre, weil die junge Altersgruppe der 1.-6. Klasse an einem eintägigen Workshop viel Zeit für die pädagogische Vor- und Nachbereitung braucht.
Ich habe Kinder- und Jugendfilmfestivals angefragt, welche Filme sie in den letzten fünf Jahren zu diesen Themen gezeigt haben, sowie Vereine, Festivals und Personen wie das Ake Dikhea Filmfestival oder die Schwarzen Filmschaffenden Deutschland. Wir wollten den Prozess ausweiten, damit nicht nur wir bei VISION KINO Filme recherchieren und damit in der Vorauswahl schon viel festsetzen. Bevor die Filmjury mit Erwachsenen bestand, haben wir mit dem KUKI – Junges Kurzfilmfestival Berlin über die Option einer Jugend- oder Kinderjury gesprochen. Bei dieser jungen Altersgruppe hatten wir letztendlich den Konsens, dass das nicht funktioniert.

Farnaz: Am Ende hatten wir eine Liste mit 140 Kurzfilmen. Wir haben Beide, außer in wenigen Einzelfällen, alle gesichtet und daraus eine Liste von 25 Kurzfilmen für die Filmjury kondensiert. Das war schön! Wir hatten Zeit, die Filme zu sichten und darüber zu reden, und haben dabei viel gelernt. Es waren tolle Filme dabei, allerdings wurde uns klar, dass die meisten nicht mit Rassismus oder Antisemitismus zu tun hatten, sondern mit Migration und Flucht.

Pola: 90 % der Filme, die wir empfohlen bekommen haben, hatten mit Migration und Flucht zu tun. Uns war aber wichtig, etwas über die Gesellschaft hier und rassistische und antisemitische Strukturen, Bilder und Narrative zu zeigen.

Weitere Kriterien der Filmauswahl

Roman: Ihr habt schon gesagt, dass ihr Filme ausgewählt habt, die Rassismus und Antisemitismus besprechbar machen, die für die Altersgruppe passen, die empowern und einen Gegenwartsbezug haben. Welche weiteren Werte und Kriterien hattet ihr in der Filmauswahl?

Farnaz: Wir kommen Beide aus der Filmfestivalarbeit. Damit war uns die Qualität der filmischen Machart in Bezug auf Kinoelemente wichtig. Für die Altersgruppe gibt es aber kaum Filme, die unseren Auswahlkritierien für Kinofilme entsprechen. Daher haben wir den Kompromiss getroffen, einige Filme zu wählen, die sich thematisch passend auseinandersetzen, auch wenn wir sie filmisch nicht besonders spannend finden.

Pola: Mit den zwei Pädagoginnen, die unsere Workshopkonzepte geschrieben haben, hat sich noch der Fokus auf die hiesige Lebenswelt herauskristallisiert. Wir wollten keinen Film, der in einer Lebenswelt spielt, den die Kinder nicht aus ihrem Alltag kennen – damit man nicht zum Othering von „ach so ist es da“ kommt, sondern strukturellen Rassismus und Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft im westlichen Kontext zeigt.

Farnaz: Der Fokus sollte sogar möglichst auf Deutschland liegen, damit sich die Kinder damit identifizieren können.

Herausforderung: Reproduktion von Diskriminierung im Film

Roman: Wie seid ihr in der Filmauswahl damit umgegangen, wenn ein Film in der Thematisierung von Rassismus und/oder Antisemitismus diese/n stark reproduziert?

Farnaz: Vor allem für unsere Altersgruppe mussten wir sehr aufpassen. Wir haben uns das immer wieder gefragt und es gab nicht die eine Position bei uns oder in der Filmjury dazu. Es hatte auch mit persönlicher Betroffenheit zu tun. Eine betroffene Person kann sich gesehen fühlen, wenn ein Film die eigene Lebensrealität darstellt, auch wenn es in den Augen von Expert*innen problematisch und gewaltvoll wirkt. Die Regisseurin von SIEGER SEIN hat selbst Fluchterfahrung und meint, Kinder können sich auch mit dieser Realität auseinandersetzen. Sie hat nicht explizite Kriegsbilder gezeigt, aber Gefühle und auch Geräusche dazu. Andere sagen, dass das für Kinder zu viel und für Kinder mit Fluchterfahrung retraumatisierend sein kann. Die Frage ist auch, können wir solche Filme in diversen Klassen zeigen? Wir waren eher dafür, Filme zu zeigen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Einigkeit auch im bundesweiten Projektteam gab es dazu nicht.

Pola: Der Kontext unseres Projekts bzw. der Lernorte ist auch entscheidend für die Filmauswahl gewesen. In der Schulklasse ist es die feste Gruppe, die in einer Pflichtveranstaltung den Film sieht, nicht in einem privaten oder freiwilligen oder anderen Gruppenkontext. Über Erfahrungen und die Dynamik in der Klasse ist vieles den freien Pädagog*innen, teilweise auch den Lehrer*innen, gar nicht klar. Wir wollten nicht, dass ein Kind of Color oder ein jüdisches Kind in die Rolle als Repräsentant*innen versetzt werden. Der Film muss für alle Kinder in der Klasse und für alle Gruppen passen. Aber der Film wird auch pädagogisch begleitet; die Kinder sehen ihn nicht alleine. Der Kontext ist entscheidend. Etwa haben auch die Schwarzen Filmschaffenden Filme empfohlen, von denen sie sich wünschen, sie hätten sie als Kinder gesehen, die aber im Kontext Schule anders wirken.

Leonie: Als Jury haben wir uns schnell geeinigt, dass wir Filme mit reproduzierenden Szenen, in denen ein Kind fertig gemacht wird, nicht wählen. Wir wollen mit den Filmen aber auch keine heile Welt suggerieren. Kinder wissen, was um sie herum passiert, und erleben Rassismus und/oder Antisemitismus. Sie sollen auch verstehen, dass sie diese Erfahrungen nicht alleine machen und Diskriminierung vermeidbar ist.

Empowerment & Film

Roman: Was bedeutet für euch ein „empowernder Film“?

Farnaz: Dazu gibt es im Projekt verschiedene Positionen. Es gab nach einem langen Prozess viele Filme, die wir als empowernd empfunden haben. Wir haben ganz bestimmte Festivals, Institutionen und Einzelpersonen für Filmempfehlungen angefragt, wir haben zu zweit die Filme gesichtet, wir haben sie mit einer Jury besprochen, sie an zwei Pädagoginnen gegeben, und anschließend ins kritische Lektorat. Die allermeisten Beteiligten sind selbst von Rassismus und/oder Antisemitismus betroffen und arbeiten zu diesen Themen. Bei der Sichtung im bundesweiten Team wurden zwei Filme sehr kritisch und als problematisch wahrgenommen. Es gibt also unterschiedliche Perspektive darauf, was empowernd ist.
Für mich ist ein empowernder Film, in dem ich meine Lebensgeschichte, Herausforderungen und Themen wiederfinde und bei dem die Protagonist*innen gute Wege finden, wie sie damit umgehen. Dass Diskriminierungsbetroffene nicht als Opfer dargestellt werden. Es gibt in Filmen schmerzvolle Momente, weil Diskriminierung schmerzvoll ist. Aber wenn die Protagonist*innen im Film damit stark umgehen und letztendlich als Menschen dargestellt werden, die versuchen, ihre Lösungen zu finden, ist das für mich empowernd.

Leonie: Dem schließe ich mich an – nach dem Motto „gesehen werden statt gezeigt werden“. Wenn jemand verstanden hat, worum es geht, in der Mehrdimensionalität und Tiefe, ist das empowernd. Auch die Handlungsfähigkeit ist für mich wichtig – es werden problematische Situationen gezeigt, aber die Person hat mehrere Möglichkeiten oder sogar (das muss aber nicht sein) eine Lösung. Sie ist noch etwas anderes als ein Opfer.

Pola: Subjekt versus Objekt und Handlungsmacht sehe ich auch als wichtige Stichworte. Und, wie wird die Diskriminierung dargestellt? Wie bei einem Unfall – der muss nicht 1:1, sondern vielleicht über Gefühle gezeigt werden. Muss ich das wirklich explizit sehen, um die Konsequenzen zu erkennen? Wir haben je Klassenstufe auch mehrere Filme. Wenn es einen Film darunter gibt, der einfach nur viele verschiedene Kinder zeigt, ohne explizit über Rassismus und/oder Antisemitismus zu reden, kann das in der Zusammenstellung mit den anderen Filmen auch empowern. Das Gute an unseren Workshops ist auch, dass es immer eine pädagogische Begleitung gibt, auch für Ergänzungen und Einordnungen zum Film.

Kinderfilme, die fehlen

Roman: Was ist euch im Prozess der Filmrecherche und Filmauswahl über Kinderfilme aufgefallen?

Pola: Es gab keine Kinderfilme, die Antisemitismus und jüdisches Leben in der Gegenwart, also nicht-historisch besprechen. Bzw. es gibt nur Fernsehsendungen, die in den letzten Jahren entstanden sind, wie z.B. Logo! Extra, und zu jüdischem Leben gab es 2005 einen Langfilm, der aber stark überholt war und auch sexistische Bilder stark reproduziert hat. Zum Nationalsozialismus gab es einige Filme, die allerdings nicht verständlich für die Altersgruppe waren, da sie z. B. mit Symbolen wie Zügen arbeiten.

Farnaz: Uns hat es erstaunt, wie wenige Filme es in Deutschland zu jüdischem Leben, Antisemitismus, Rassismus gibt, als ob das alles gar kein Thema wäre. Wenn du dir die US-amerikanische Filmlandschaft anschaust, findest du ein starkes Kino zum Thema Rassismus. Die Relevanz dieser Filme für Deutschland war für unser Projekt leider gering. Und die deutschen Filme zu Rassismus beschäftigen sich in erster Linie mit Anti-Schwarzem Rassismus, viel weniger mit antimuslimischem Rassismus, der in unserer Gesellschaft ein besonders großes Thema ist. Es gibt auch Filmemacher*innen, die sich mit antimuslimischem Rassismus auseinandersetzen, aber nicht für unsere Zielgruppe. Das hat vermutlich auch etwas mit der Filmförderung zu tun.

Pola: Wir wollten ursprünglich auch einen empowernden Film, der Kids mit verschiedenen Positionierungen in ihrem Alltag zeigt. Einfach verschiedene Repräsentation von Kindern in ihrem Alltag, die z. B. mal einen guten oder schlechten Tag in der Schule haben. Dazu gab es kaum etwas, und wenn, dann eher im Fernsehen.

Farnaz: Mich hat das große Fehlen von Filmen, die Antisemitismus und/oder jüdisches Leben zeigen, beschäftigt: Wenn das im Kino nicht reflektiert wird und der Blick nur in die Vergangenheit gerichtet wird, wirkt es, als ob das Thema gelöst wäre, als hätte es keine gegenwärtige Relevanz.

Diskriminierungskritischer Blick auf die Filmbranche

Roman: Und was ist euch über die Filmbranche aufgefallen?

Farnaz: Die Filmbranche ist sehr weiß, nicht nur in Bezug auf die Produktion, sondern auch auf die Förderung. Welche Filme werden gefördert? Und wenn sich Filme mit Rassismus, Migration, Flucht, Antisemitismus auseinandersetzen – wer bekommt die Förderung, diese Filme zu realisieren? Renommierte Filmemacher*innen, die weiß, nicht-jüdisch, etc. sind. Dann wird nicht der Filmemacher aus Afghanistan mit kurzem Film-Lebenslauf für einen Film über Afghanistan gefördert, sondern der Kollege mit viel Erfahrung in der Filmbranche.

Pola: Die deutsche Filmförderung hat ja auch viele Vorgaben, z.B., dass du schon andere Förderung bekommen hast. Und große Fördersummen gehen an große Filmproduktionen. Kritische Fragen wären: Wer wählt die Filme aus, unter welchen Kriterien? Gibt es Quoten und wenn ja, für welche Kategorien und auch intersektional? Wer bekommt wie viel Geld?
Alle Filme für Kinder, die mit Antisemitismus und jüdischem Leben zu tun haben, haben immer mit dem Nationalsozialismus zu tun. Es gibt keinen Film für Kinder, in dem es einen jüdischen Charakter gibt. Ich würde sagen, mit Black Lives Matter hat sich etwas zum Beispiel im Fernsehen verändert. Aber das passiert langsam. Generell gibt es wenige Kinderfilme im Kino. Coming of Age ist zwar ein beliebtes Genre, aber da sind häufig Erwachsene und nicht Kinder die Zielgruppe.

Farnaz: Neulich war ich bei einer Pressevorführung von The American Society of Magical Negroes. In dem Film wird gezeigt, dass Schwarze Charaktere häufig Hilfsfiguren für die weißen sind. Bei unsere Filmauswahl ist mir ähnliches aufgefallen. Wir wollten den Fokus zu Rassismus auf die Geschichten der betroffenen Personen. Aber oft werden deren Sorgen und Alltag als Nebenthematik erzählt, nicht als Hauptgeschichte. Aber was bedeutet Diversity oder Inklusion in einem Film? Es reicht nicht, die Produktion einfach mit einer Schwarzen Nebenfigur diverser machen zu wollen.

Leonie: Die deutsche Filmbranche zeigt sehr gut, was für Deutschland der genormte Standard ist. Dass Charaktere und Produktionsteam weiß sind, dass Förderung von weißen Institutionen ausgeht. Es gibt kaum eine Alternative. Das ist ein guter Spiegel, wie Deutschland mit Identitätsfragen und Repräsentation umgeht. Es wird z. B. pro Person meist nur ein diverses Charaktermerkmal gezeigt. Darin gibt es kaum Vielschichtigkeit – kein jüdisch und queer oder Schwarz und behindert – es gibt immer nur eins, und das sehr stereotyp. Das entspricht nicht der Realität, sondern zeigt, wie Deutschland sich politisch und sozial sieht.

Pola: ... und, wen sie sich als Zielgruppe vorstellen, wer ins Kino geht. Da wird auch ausgeblendet, dass die viel diverser ist, bzw. es Potential im Audience Development gäbe. Was gesellschaftlich verinnerlicht ist, kommt auch im Film heraus und wird wiederum von anderen Beteiligten nicht erkannt. Auch wenn das Drehbuch großartig ist, können die Besetzung oder auch der letzte Schnitt einen großen Unterschied machen.

Wünsche für eine diskriminierungskritische Filmbildung

Roman: Welche Filme wünscht ihr euch für eine diskriminierungskritische Filmbildung?

Pola: Ich wünsche mir einen Blumenstrauß an Filmen. Wenn es eine große, vielfältige Auswahl gibt, muss auch nicht ein Film alles richtig machen oder alle Themen besetzen.

Farnaz: Authentische, realitätsnahe Filme! Netflix versucht eine inklusive utopische Gesellschaft darzustellen, die aber nicht existiert. Da sind wir nicht, vor allem nicht in Deutschland. Ich wünsche mir, dass die Problematik, wie sie existiert, im Kino gezeigt wird, damit Menschen sie realisieren. Das fehlt aktuell extrem und wenn Filme solche Themen zeigen, geschieht das in meinen Augen sehr künstlich, realitätsentfernt oder sehr extrem. Ich wünsche mir Authentizität.

Leonie: Da gehe ich mit. Ich wünsche mir ein Platzmachen in der deutschen Filmbranche, für Filme, Geschichten und Träume von Filmleuten, die sonst nicht gehört werden. Es gibt sie, aber sie gehen unter neben anderen Filmen, die wir schon hundertmal gesehen haben. Es braucht Raum für diese Filme, die schon da sind und die, die darauf warten, produziert zu werden.

Die Filmübersicht der Workshops für die 1.-6. Klasse von Film Macht Mut ist auf unserer Homepage veröffentlicht. Die Kurzfilme sind auf den jeweiligen Filmdetail-Seiten verfügbar.  

Wir danken unserer Filmjury und allen, die uns Filme empfohlen haben!

 

Die Filmjury von Film Macht Mut:

Leonie De Abrew, DisCheck, @discheck_

Pierre Asisi, ufuq, Teamdetail ufuq.de

Sarah Hoffmann, Bundeszentrale für politische Bildung Fachbereich Multimedia, Filmbildung | bpb.de

Seggen Mikael, DisCheck, @discheck_

Lea Wohl von Haselberg, Filmuniversität Babelsberg, Detailseite filmuniversitaet.de

 

 

Filmrecherche u.a. von:

Ygor Gama, Kurator

Gudrun Sommer, doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche

Sheri Hagen, Filmemacherin und Schauspielerin

Sarah Hoffmann, Bundeszentrale für politische Bildung Fachbereich Multimedia, Filmbildung | bpb.de

Monica Koshka-SteinKUKI - Das junge Kurzfilmfestival Berlin

Lucy Alejandra Pizaña PérezJuedische Filmgeschichte

Tirza Seene Juedische Filmgeschichte

Luc-Carolin ZiemannDOK Bildung - DOK Leipzig

Laura Zimmermann, Filmpädagogin und Kuratorin

Ake Dikhea, Internationales Roma-FilmfestivalWebsite

interfilm, Website 

International Film Festival SchlingelWebsite

Kinderfestival des Internationalen Filmfestival Mannheim-HeidelbergWebsite

SFD – Schwarze Filmschaffende Deutschland

VISION KINO

Teams der SchulKinoWochen

Weitere Festivals und Initiativen wurden angefragt